Wir kennen das alle: Schwieriges lässt uns nicht kalt. Wir haben biografisch bedingte wunde Punkte und reagieren sensibel auf Mängel, Nöte, Verletzungen und Krisen. Es gibt so vieles, das wir nicht beeinflussen können. Diese Erfahrungen konfrontieren uns mit unserer Verwundbarkeit. Verletzlichkeit ist aber mehr als eine lästige Bürde – gerade in der Arbeit mit Menschen ist sie oft eine Geburtshelferin für heilsame Prozesse.

Wären wir unantastbar, so könnte das Leben uns nichts anhaben. Mangel, Nöte, Verletzungen würden uns nicht berühren. Wären wir furchtlos, könnten wir munter drauflos leben. Wir müssten uns nicht mit Defiziten, mit Versagen und der damit verbundenen Scham auseinandersetzen. Wären wir nicht so anfällig für Ablehnung, Unzulänglichkeiten und Schmerz, so wäre das Versteckspiel, das viele von uns nur zu gut kennen, nicht nötig. Wir könnten mutig aus der Deckung kommen, sichtbar werden – mit unseren Möglichkeiten und unseren Grenzen.

Warum fällt uns Verletzlichkeit oft so schwer? Brené Brown, die sich der Erforschung von Gefühlen verschrieben hat, skizziert unseren eher verkrampften Umgang mit Verletzlichkeit folgendermassen: «Das Wort persona ist der lateinische Begriff für ‘Bühnenmaske’. Masken und seelische Panzer sind perfekte Metaphern dafür, wie sich Personen – Menschen in ihren verschiedenen soziologischen Rollen – gegen das Unbehagen der Verletzlichkeit schützen. Masken geben uns ein Gefühl grösserer Sicherheit, selbst wenn sie uns einengen. Ein seelischer Panzer vermittelt uns ein Gefühl grösserer Stärke, selbst wenn es uns ermüdet, dieses zusätzliche Gewicht mit uns herumzutragen. Ironischerweise sind wir frustriert und empfinden eine fehlende Verbundenheit, wenn wir jemanden vor uns haben, der sich hinter einer Maske oder einem seelischen Panzer verbirgt. Der Widerspruch ist dieser: Verletzlichkeit ist das Letzte, was der andere bei mir zu Gesicht bekommen soll, aber das Erste, wonach ich im Anderen Ausschau halte.»1

Lebendigkeit geht immer mit Verletzlichkeit einher. Mehr noch – Lebendigkeit setzt Verletzlichkeit voraus. Wenn wir uns nach tiefem und erfülltem Leben sehnen, führt der Weg unvermeidlich über das Terrain der Verletzlichkeit: Wir machen uns verletzlich, wenn wir Neues wagen oder eine unpopuläre Meinung äussern. Wenn wir zugeben, dass wir Angst haben oder etwas nicht wissen. Wenn wir um Hilfe bitten. Nein sagen. Wir machen uns verwundbar, wenn wir uns verlieben, Kinder grossziehen, uns selbständig machen, wenn wir uns nach einer Enttäuschung neu fürs Vertrauen entscheiden. Wir sind verletzlich in Momenten des Aufbruchs, der Ungewissheit, der Hoffnung und überall dort, wo wir Menschen – oder Gott – an uns heranlassen.

Verletzlichkeit macht auch vor unserer Gottesbeziehung nicht Halt. Da gibt es Phasen der spürbaren Gottesnähe. Da finden wir Antworten auf Fragen, da fühlen wir uns getragen, inspiriert und getröstet. Und dann gibt es Zeiten, da fällt das Vertrauen schwer, da kämpfen wir mit Zweifeln und fühlen uns verletzt von diesem Gott, der mit seinen Verheissungen Erwartungen weckt, letztlich aber unverfügbar und in so vielem schmerzlich unfassbar bleibt.

Aus biblischer Sicht sind Stärke, Gesundheit und Unversehrtheit keine Voraussetzungen für Wachstum, und sie sagen nichts über unseren Wert aus. Gott kann unsere Mängel, unsere Verletzungen, unser Versagen fruchtbar machen und uns echte Würde schenken. Dass Jesus um unsere Verletzlichkeit weiss, ist tröstlich. In den Evangelien spricht er die Ängste seiner Jünger offen an. Petrus versichert er sogar: «Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre!»2 Zugleich betont Jesus, dass er die Welt überwunden hat, und verspricht einen Frieden, der dereinst das Ende aller Sorgen und Fragen bedeuten wird.

Direkt hinter unserem Haus am Hang steht ein von Wind und Wetter gezeichneter Baum. Das Besondere an diesem Baum ist, dass er trotz offenkundiger Versehrtheit – ein Teil der Baumkrone wurde wohl in einem Sturm herausgerissen – jedes Jahr aufs Neue blüht und Früchte trägt. Er tut dies allerdings nur einseitig. Auch wir Menschen sind Gezeichnete. Geprägt von unserer Geschichte. Geformt vom Leben. Wir sind Gewordene – im Guten wie im Bösen. Von Herzen wünsche ich uns, dass wir uns trotz Brüchen und Verletzungen nicht am Blühen hindern lassen. Und dass wir uns mit unserer verletzlichen Lebendigkeit immer wieder neu diesem Gott anvertrauen, der von sich sagt: «Ich lebe, und ihr sollt auch leben.»3

1  aus: Brené Brown: Verletzlichkeit macht stark | Seite 139
2 Lukas 22, 32
3 Johannes 14, 19

 

Artikel von Andrea Signer-Plüss, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP mit eigener Praxis in Grosshöchstetten und in der VBG verantwortlich für das Kursangebot.
www.andreasigner.ch

Andrea Signer-Plüss wird am Netzwerktag vom 7. Juni 2026 den Fachimpuls halten zum Thema Authentizität statt Scham – Einladung zu einer Kultur der Verletzlichkeit.

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